Zu Beginn der zwanziger Jahre war das Veltlin (ital.: Valtellina) gekennzeichnet von Armut und Auswanderung. Wie so häufig in solchen Situationen prägen die Lebensumstände und der Wunsch nach einem besseren Leben den Menschen und beflügeln dessen Unternehmensgeist.
“Wenn Du Deinem Herzen zum richtigen Zeitpunkt keinen Ruck gibst, dann machst Du bestimmte Sachen nie im Leben!”.Wie oft hat Aldo Rainoldi diese Worte von seinem gleichnamigen Großvater gehört, welcher damals am Beginn seiner eigenen Laufbahn als kleiner Veltliner Kaufmann stand. In diesem kleinen Satz liegt der Eigensinn als Ursprung für das Abenteuer des Weinguts Casa Vinicola Rainoldi.

Tatsächlich jedoch waren die Grundlagen, die dem Großvater Aldo den Beginn dieser Erfahrung gestatteten, bereits einige Jahre zuvor von dessen Vater Giuseppe Rainoldi gelegt worden.


Rainoldi


Giuseppe Rainoldi wird 1850 in Arigna geboren, einem kleinen Dorf am Rande des Tals. Bereits im Alter von zwanzig Jahren verarbeitet und vermarktet er Getreide, da er der Besitzer der einzigen Mühle im Umland ist. Weizenmehl und Mais, die Grundzutaten für die Herstellung von Brot und Polenta, sind in jener Zeit die Bestandteile der Grundnahrungsmittel. Sie zu besitzen, bedeutet Reichtum. Der Tauschhandel stellt eine der wichtigsten Handelsformen dar, und das wertvolle Mehl lässt sich leicht gegen andere lokale Erzeugnisse wie Kartoffeln, Kastanien, Heidelbeeren oder Pilze tauschen. Giuseppe verfügt reichhaltig über die typischen Erzeugnisse der Region, sodass er nun auch beginnt, sie in der nahen Schweiz zu verkaufen. Die Vermarktung ist einträglich, aber leider an die für die Erzeugnisse typische Jahreszeit des Herbstes gebunden. Mit dem einem Kaufmann eigenen Scharfsinn spürt Giuseppe die Notwendigkeit, sich ein geschätztes Gut anzueignen, das sich über das ganze Jahr verkaufen lässt. Der Wendepunkt bei der Erstarkung der eigenen Tätigkeit als Kaufmann ist das Ergebnis einer glücklichen Intuition: Der Wein!

1905 wird Aldo geboren, der Sohn von Giuseppe und Gründer des Weinguts Casa Vinicola Rainoldi, das noch heute diesen Namen trägt. 1925 lässt er in Casacce, einem Vorort von Chiuro, das Gebäude errichten, in dem sich noch heute der Firmensitz befindet. Ein kühnes Unterfangen für jene Zeit, denn es brauchte noch zehn Jahre bis zur Fertigstellung des für lange Zeit einzigen Gebäudes in der Straße. In diesen Jahren steht Aldo seinem Vater Giuseppe beim Weinhandel zur Seite und bringt den Wein in kleinen Fässern aus Kastanienholz in die Schweiz und in die gesamte Lombardei. Am Anfang macht der Weinverkauf in Flaschen nur einen kleinen Anteil der Produktion aus und ist wenigen Weinkennern vorbehalten. Aber ab der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre gewinnt die Flaschenabfüllung mit der gleichzeitigen Angabe des Jahrgangs auf dem Etikett Oberhand.

Zu Beginn der sechziger Jahre nimmt Giuseppe (von Freunden Peppino genannt), der Sohn Aldos, die Zügel des Unternehmens in die Hand. Und dank seines unermüdlichen Unternehmensgeists weitet sich der Markt schnell aus, vor allen Dingen im Ausland. Europa, USA, Kanada, Japan, Ost-Asien: Giuseppe merkt sofort, dass der Weintrinker immer mehr Kosmopolit und Weltbürger ist und dass es notwendig ist, die Produktpalette auszuweiten, um der immer verschiedenartigeren und internationaleren Nachfrage nachzukommen.

1994 schreibt sich Aldo, der Enkel von Giuseppe, an der Universität Turin für Weinbau und Önologie ein. Nach Abschluss des Studiums und nach einer Reihe von Erfahrungen an anderen Weinbaustandorten tritt auch er Ende der neunziger Jahre in das Unternehmen ein, und zwar ganz im Zeichen der Familientradition. Optimierung und Rationalisierung der Produktion im Zeichen der Tradition der Unternehmensführung, Ausweitung der Märkte und Vereinigung von Qualität und Umweltschutz sind die Ziele der alltäglichen Arbeit. Auch der Nachwuchs, Marco und Maria Vittoria, zeigen trotz ihres zarten Alters ein großes Interesse an der Weinkultur. Dies lässt Hoffnung für die Zukunft des Unternehmens aufkommen.